Rufen Sie uns an: +43 699 1135 33 99
Versandkostenfrei ab 50 Euro Bestellwert
Hilfe und Kontakt
Das rechte Maß: Das Universalheilmittel der Benediktinermönche

Vom guten Leben und der Lebenskunst

Viele Menschen nehmen an, dass sich Klosterheilkunde nur mit dem Anbau, der Verarbeitung und Anwendung von Heilpflanzen beschäftigt. Das wäre eine Verkürzung der Klosterheilkunde. Sie will das Leben und die leib-seelische Gesundheit in einem umfassenden Sinn fördern. Es geht um das „gute Leben“ oder die „Lebenskunst“. Deshalb soll in diesem Rundbrief eine der Grundlagen der Klosterheilkunde die „discretio“, das gute Maß, „die Mutter aller Tugenden“ Raum bekommen. Dieses Thema steht auch im engen Zusammenhang mit dem Fasten, dem Hauptthema dieses Magazins. In allen Religionen und Traditionen der Welt gibt es Regeln und Anleitungen, damit die Menschen die Fülle des Lebens erfahren können. Diese Weisheitslehren beruhen auf Erfahrungen, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende bewährt haben. Sie enthalten Lebensmodelle, um Krisen und Konflikte zu bewältigen, um die Menschen vor körperlichen und seelischen Krankheiten zu bewahren, um ihnen den Rhythmus der Schöpfung bewusst zu machen und ihre Beziehungen zu einer transzendenten Wirklichkeit, die wir im Christentum Gott nennen, zu fördern. Es sind meist verblüffend einfache, manchmal auch scheinbar paradoxe Regeln – zum Beispiel empfiehlt der heilige Benedikt das Fasten, aber gleichzeitig fordert er die Mönche auch auf, ausgewogen zu essen. Er gibt Anweisungen wie der Mensch reden soll, nämlich mit klaren, ruhigen Worten, nicht laut und ohne Geschwätz – und im gleichen Atemzug empfiehlt er das Schweigen. Das eine wie das andere kann weise sein.

Weisheitslehren können sowohl Aufforderungen zur Askese sein als auch Empfehlungen, im rechten Maß zu essen, zu trinken, sich am Leben zu freuen. „Wenn fasten, dann fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn“, hat die heilige Theresa von Avila einmal gesagt - alles zu seiner Zeit. 

Das „rechte Maß“ ist kein absoluter Begriff. Es hängt stets von den jeweiligen Beziehungen ab, die der Mensch hat - zu sich selber, zu anderen Menschen, zu Dingen, zur Natur, zur Schöpfung, zu Gott. Was für einen Gesunden gut ist, kann für den Kranken falsch sein. Was ein Kind braucht, ist für den Erwachsenen vielleicht nicht sinnvoll.

Klösterliche Weisheitslehren sind keine lebensabgewandten Entsagungen, die auf willkürlichen Anordnungen gründen – im Gegenteil: sie fördern das Leben.

Deshalb gelten ihre Prinzipien auch außerhalb der Klostermauern. Lebensregeln, die sich über Jahrhunderte als sinnvoll erwiesen haben, gelten innerhalb des Klosters genauso wie draußen, auch wenn sie im Alltag vieler Menschen oft nicht leicht zu verwirklichen sind. Die Weisheitslehren, ob im Buddhismus oder bei den Juden, ob im Islam, in schamanistischen Traditionen oder im Christentum, möchten die Menschen zu einer maßvollen, klugen Lebensgestaltung anleiten. Die innere und äußere Kraft, die daraus entsteht, gibt dem Menschen Gesundheit - und schützt ihn gegen Krankheiten.

In allen Religionen und Weisheitslehren wird eine vorausschauende, vorbeugende Haltung (leib-seelische Gesundheitsvorsorge) empfohlen. Sie will erreichen, dass möglichst wenige Störungen eintreten und das Leben durcheinander bringen. So wird die Vorsorge wichtiger als die spätere Behandlung der Krankheit, die als körperliches oder seelisches Leiden ausbricht oder sich einfach als schlechtes Gefühl einstellt. Es gehört auch zu einer weisen Lebensführung, Regeln und Empfehlungen nicht nur stur zu befolgen, sondern sie erst einmal maßvoll zu erproben. Wenn man spürt, dass sie einem selber und anderen gleichermaßen gut tun, kann man sie für sein Leben übernehmen. Die Klosterheilkunde will motivieren, wieder das rechte Maß im eigenen Leben zu finden. Daraus erwächst Freude und Dankbarkeit.

Das Universalheilmittel der Benediktinermönche: Das rechte Maß

Der heilige Benedikt sagt in seiner Regel, dass das gute Maß im Leben die „ mater virtutum, die Mutter aller Tugenden“ (RB 64.19), die Quelle und der Ursprung aller Kräfte, ist. Wer es für sich gefunden hat, wird trotz aller Störungen und Schicksalsschläge ein harmonisches und glückliches Leben führen können. Was für den einzelnen das rechte Maß ist, dafür gibt es keine allgemein gültige Aussage, es ist individuell verschieden. Die Menschen verändern sich im Laufe des Lebens und stehen immer wieder auf neuen Entwicklungsstufen und Lebensherausforderungen. Deshalb ändert sich das rechte Maß vor allem in Detailentscheidungen für das eigene Leben ständig – was gestern richtig war, kann morgen schon anders sein. Dieser Grundsatz gilt erst recht im Vergleich mit anderen Menschen: Was für den Einen gut ist, schadet vielleicht dem Anderen. Das rechte Maß erreicht ein Mensch, wenn er sich in seiner jeweiligen Situation, äußerlich wie innerlich, den Anforderungen seines Lebens bewusst ist, auch darüber dass er eines Tages Rechenschaft ablegen muss, entweder vor Gott oder, wenn er nicht an Gott glaubt, vor dem Leben und vor sich selbst. Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen und Schuldgefühle, sondern um Transparenz und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und dem Leben. Zum guten Maß gehört, so Benedikt, dass man sich und anderen vor allem helfen soll, gut zu leben, statt über sie zu herrschen. Wer das rechte Maß finden und anwenden will, muss die Lebensgesetze und die Regeln des Lebens kennen.

Was ist damit gemeint?

Der Mensch braucht für eine maßvolle Lebensführung zweierlei: die Beziehung zu Gott oder einer transzendenten Wirklichkeit, Lebenserfahrungen und Wissen, aus denen er wie aus einer Schatztruhe „Altes und Neues schöpfen kann“ (RB 64.9).

Intuitiv spürt der Mensch, dass er das rechte Maß verlassen hat, wenn er einmal oder immer wieder über die Stränge schlägt. Er weiß dann auch, dass er etwas falsch gemacht hat: Unmäßigkeit beim Essen und Trinken, jemand im Zorn beleidigen, die Gier nach Macht, Geld oder Sex, sich nicht gegen Unrecht erheben, sondern stillschweigend billigen, jemanden belügen oder betrügen, usw.

 Wenn ein Mensch allerdings in sich oder bei anderen nichts mehr wahrnehmen kann, wenn er weder hören, noch sehen, noch fühlen kann, wird es schwer, zur Quelle der Lebenskraft zu finden. Er ist dann vielleicht schon so abgestumpft, dass er die Defizite, das Versagen, Fehler, auch Krankheitssymptome, gar nicht mehr wahrnimmt – und keine Notwendigkeit erkennt, in seinem Leben etwas zu verändern.

Sehr deutlich kann ein Mensch wahrnehmen, dass er nicht mehr im rechten Maß lebt, wenn sich nachhaltige Störungen, Krankheit und Leid einstellen, wenn er feststellt, dass er keine Freunde und keine Freude mehr hat, wenn in seiner Familie die Beziehungen schlecht oder gar zerrissen sind.

Die Rückkehr zur Ausgewogenheit und zur Quelle erfordert, den bisherigen Weg, der zu dieser Situation geführt hat, erst einmal bewusst wahrzunehmen. Er muss selbst wieder ein Hörender werden, um sich wichtige Fragen zu beantworten: In welcher Weise und wann hat er das gute Maß verlassen, welche Übertreibung wurde gemacht, wo hat er sich mit seinem Verhalten gegen das Leben – sein eigenes und das der anderen – entschieden? Daraus sind Konsequenzen zu ziehen: im Leben etwas verändern oder ganz und gar eine Umkehr einleiten. Das Fasten kann dazu eine Hilfe sein.

Das gute Maß liegt stets in der Mitte zwischen zwei Polen. Natürlich ist es schwer, diese Mitte zu finden – und zu halten. Meistens pendelt der Mensch zwischen den Polen hin und her, und es gelingt selten, ohne Korrekturen sich in der oder um die Mitte zu halten. Das gute Maß führt den Menschen zwischen den Polen zur eigenen Mitte, zur Lebensquelle, zu den Tugenden, die sein Leben bestimmen: Es liegt zwischen Reden und Schweigen, zwischen Offenheit für Einsichten und Unbeeinflussbarkeit, zwischen Demut und Selbstvertrauen, zwischen schnellem Entscheiden und Besonnenheit, zwischen vorurteilsfreiem Annehmen und klugem Unterscheiden, zwischen vorsichtigem Handeln und mutiger Zuversicht, zwischen innerer und äußerer Anspruchslosigkeit, zwischen „Flagge zeigen“ und Zurückhaltung, zwischen Gleichmut und Liebe.

Der Mensch, der mit allen Stärken und Schwächen seine Lebensquellen zwischen diesen Polen sucht, braucht und findet das richtige Maß, damit er glücklich wird. Er kann lernen, im richtigen Augenblick das jeweils Richtige zu sagen, zu tun oder zu unterlassen. Dafür gibt es keine feste Regel, weil jede Situation anders ist. Selbst bei so einfachen Dingen wie Trinken ist deshalb der heilige Benedikt in seiner Regel vorsichtig. „Mit größten Bedenken bestimmen wir das Maß des Getränkes für andere“, schreibt er – wissend, dass die einzelnen Mönche unterschiedliche Mengen brauchen, und dass an heißen Sommertagen mehr Flüssigkeit aufgenommen wird als in der kühlen Jahreszeit.

Um das gute Maß zu finden, soll der Mensch vor allem kritisch und offen auf sein Herz (inneres Lebenszentrum) hören und sich im Lernen und Austausch mit anderen beraten. Eine Herausforderung ist es, bei eigenen und fremden Versagen oder Fehlern das rechte Maß in der Reaktion zu finden. Benedikt empfiehlt dem Abt: „Er hasse die Fehler und liebe die Brüder“(RB 64.11). Eine weise Regel auch für die Gegenwart: Wenn jemand etwas falsch macht, dann soll man sich zwar gegen den Fehler stellen, aber den Menschen, der ihn verursachte, lieben - er verdient die Zuwendung trotz seiner Unzulänglichkeit. Der Fehler selber wird nicht toleriert, aber der Mensch darf deshalb nicht verurteilt werden. Die Zurechtweisung wegen des Fehlers soll laut Benedikt nicht zu heftig sein, „sonst könnte das Gefäß zerbrechen“ (RB 64.12). Der Gedanke an die eigene Zerbrechlichkeit lässt in diesem Fall das rechte Maß am Ehesten finden. „Er denke daran“, heißt es weiter in der Regel, „dass man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf“ (RB 64.13). Eine maßvolle Reaktion auf Fehler – das benediktinische Vorbild lässt sich in die Gegenwart übertragen, wenn es um Arbeit und Beruf geht, um Freundschaften und Kindererziehung, um die Schule, um Sport und um die Beziehungen innerhalb der Familie. Es macht wenig Sinn, auf den „einzudreschen“, der den Fehler gemacht hat. Man sollte ihn jedoch lieber wieder aufrichten, um eine Entwicklung und Veränderung zu ermöglichen. Deshalb finden wir auch nicht zu unserer Mitte, wenn wir den Anderen wie ein Strafrichter aburteilen. Vielmehr empfiehlt Benedikt dem Abt, der den Fehler kritisiert: „Er suche danach, mehr geliebt als gefürchtet zu werden“ (RB 64.15). Dahinter steht die Aufforderung, wieder eine gute Beziehung zu dem herzustellen, der einen Fehler gemacht hat.

Das gute Maß ist der Schlüssel zum Leben – in den Stärken und bei den Schwächen, in der Krankheit und in der Freude, im Glück und in der Trauer. Mit dem rechten Maß, sagt die Regel Benedikts und die Klosterheilkunde, sind Gesundheit, Wachstum und geistige Entwicklung beim Menschen möglich. Denn Leben im rechten Maß gibt dem Menschen Frieden und innere Ruhe. Der schönste Zustand, den ein Mensch erreichen kann, wenn er das richtige Maß für sein Leben gefunden hat, wird in allen Weisheitslehren mit dem gleichen Begriff beschrieben: heitere Gelassenheit, Freude und Dankbarkeit.

 

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.